Das Verantwortungsgefühl ist ein anderes geworden
Seit Januar 2026 führt Julienne Gasser als Teil der vierten Generation Gasser Ceramic – gemeinsam mit Lukas Schläppi. Im Interview blickt sie auf die intensiven ersten 100 Tage zurück, spricht über das Zusammenspiel mit der dritten Generation und den Lernprozess zwischen Strategie und Alltag. Und sie verrät, wie sie und ihr Co-Geschäftsführer sich als Team ergänzen.
Wie würden Sie Ihre ersten 100 Tage als Geschäftsführerin von Gasser Ceramic beschreiben?
Die ersten 100 Tage waren, ehrlich gesagt, recht intensiv. Auch wenn ich nun schon seit über zwei Jahren im Unternehmen bin und wir von der dritten Generation weiterhin engagiert unterstützt werden, hat sich mit dem offiziellen Wechsel der operativen Leitung dennoch etwas grundlegend verändert: Das Verantwortungsgefühl ist ein anderes geworden.
Mitentscheiden ist etwas ganz anderes, als am Ende verantwortlich zu sein und entscheiden zu müssen. Wie schnell sich dieses Gefühl verändert hat, hat mich selbst überrascht. Vor dem 1. Januar 2026 dachte ich, im Alltag würde sich gar nicht so viel ändern. In der Realität habe ich aber sehr schnell gemerkt: Jetzt geht es darum, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen.
Gleichzeitig waren diese ersten Monate für mich auch persönlich lehrreich. Ich musste lernen, dass nicht alles gleichzeitig vorangetrieben und nicht jedes Projekt sofort umgesetzt werden kann. Gerade wenn man mit viel Energie startet, möchte man vieles anpacken. Aber ich habe gemerkt, dass Unternehmensführung kein Sprint ist, sondern ein Marathon. Deshalb gehört zu dieser Anfangsphase bewusstes Priorisieren dazu – und die Akzeptanz, dass gewisse Dinge Zeit brauchen oder warten können. Das ist ein Lernprozess, in dem ich mich noch befinde. konsequent umzusetzen.
Gab es bereits Momente, in denen Sie besonders stolz waren, Teil der Unternehmensleitung zu sein?
Ja, ein Moment, auf den ich in den ersten Monaten wirklich mit Stolz zurückblicke, war für mich der zweitägige Workshop Anfang Februar mit der Geschäftsleitung und dem oberen Kader. Lukas und ich haben dort unsere Strategie für die kommenden Jahre vorgestellt. In einem weiteren Themenblock haben wir uns zudem intensiv mit Führungsfragen auseinandergesetzt – gerade auch mit Blick auf sich verändernde Rahmenbedingungen und neue Anforderungen an das Unternehmen. Natürlich durfte dabei auch der persönliche und etwas lockerere Teil nicht fehlen.
Was mich an diesen zwei Tagen besonders gefreut hat, war die Haltung unserer Mitarbeiter:innen. Es wurde engagiert, offen und konstruktiv diskutiert. Positive wie auch kritische Punkte wurden angesprochen, man hat einander zugehört, und der Austausch fandüber Sprach- und Funktionsgrenzen hinweg statt. Das ist nicht selbstverständlich – und gerade deshalb war es ein schöner Moment.
Besonders stolz gemacht hat mich, zu spüren, wie stark die Verbundenheit mit dem Unternehmen ist. Bei allen Unterschieden in Funktion, Perspektive oder Sprache war ein gemeinsames Ziel spürbar: Gasser Ceramic weiterzubringen.
Schön war dann auch der nächste Schritt, als wir die Strategie in reduzierter Form der gesamten Belegschaft nähergebracht haben. Dass ich darauf vereinzelt sehr positive Rückmeldungen erhalten habe und Mitarbeiter:innen gesagt haben, dass sie sich auf die Zukunft des Unternehmens freuen, hat mich sehr gefreut. Gleichzeitig ist mir aber auch bewusst: Der anspruchsvollere Teil kommt jetzt erst. Entscheidend ist, dass wir die besprochenen Themen im Alltag konsequent weiterverfolgen und Schritt für Schritt in die Umsetzung bringen.
Können Sie ein konkretes Beispiel für eine Herausforderung geben, der Sie sich kürzlich stellen mussten, und wie Sie diese gemeistert haben?
Eine konkrete Herausforderung war für mich in den vergangenen Monaten sicher die Erarbeitung unserer bereits erwähnten Strategie für die kommenden Jahre – auch wenn dieser Prozess bereits vor dem 1. Januar 2026 begonnen hat. Es ging dabei nicht einfach darum, Ideen zu sammeln, sondern gemeinsam zu definieren, wo wir als Unternehmen Schwerpunkte setzen wollen und welche Themen wir bewusst priorisieren.
Anspruchsvoll war für mich vor allem, dass es viele wichtige Themen gleichzeitig gibt – vom Markt über Nachhaltigkeit und Organisation bis hin zu Führungsfragen. Die eigentliche Herausforderung bestand deshalb nicht darin, möglichst viel aufzulisten, sondern Klarheit zu schaffen: Was ist für Gasser Ceramic im Moment wirklich zentral, was braucht Zeit, und was wollen wir bewusst Schritt für Schritt angehen?
Gemeistert haben wir das, indem wir uns sehr bewusst Zeit für den Prozess genommen haben. Wir haben viele Gespräche geführt, unterschiedliche Perspektiven einbezogen, Prioritäten abgewogen und versucht, Kontinuität im Kern mit gezielter Weiterentwicklung zu verbinden.
Mir war dabei wichtig, nicht einfach möglichst viel Veränderung anzustossen, sondern eine Richtung zu formulieren, die zu unserem Unternehmen passt und auch intern getragen werden kann.
«Unternehmensführung ist kein Sprint, sondern ein Marathon.»
Sie führen das Familienunternehmen gemeinsam mit Lukas Schläppi. Wie ergänzen Sie sich als Team, und wie profitieren Sie voneinander in der täglichen Zusammenarbeit?
Was uns beide ganz klar verbindet, ist das gemeinsame Ziel: Wir wollen Gasser Ceramic weiterbringen und das Unternehmen langfristig erfolgreich in die Zukunft führen. Ich glaube, das ist eine sehr wichtige Basis für unsere Zusammenarbeit.
Gleichzeitig ergänzen wir uns gut, weil wir unterschiedliche berufliche Hintergründe und auch unterschiedliche Stärken mitbringen. Lukas ist in technischen Fragen sehr stark – da kann ich ehrlich gesagt nicht mithalten. Umso wertvoller ist es für mich, jemanden an meiner Seite zu haben, dem ich in diesen Themen voll und ganz vertrauen kann.
Ich bringe eher meinen betriebswirtschaftlichen Hintergrund und meinen Blick auf organisatorische und kaufmännische Themen ein. Wir denken beide unternehmerisch, aber mit unterschiedlichen Perspektiven – und das ergänzt sich gut.
Auch menschlich ergänzen wir uns gut. Ich bin jemand, der sich auch einmal schnell aufregen kann und innerlich rasch auf hundertachtzig ist. Lukas bringt in solchen Momenten oft mehr Ruhe hinein und schafft es gut, mich wieder etwas herunterzuholen. Das ist im Alltag sehr hilfreich. Ich glaube, gerade diese Mischung aus unterschiedlichen Kompetenzen und Persönlichkeiten macht unsere Zusammenarbeit stark.
Wie haben Sie die Übergabe von Verantwortung innerhalb der Familie erlebt, und wie gehen Sie mit den Erwartungen der vorherigen Generationen um?
Ich habe den Übergang sehr positiv erlebt und empfinde ihn auch heute noch so. Wie bereits erwähnt, ist es für mich ein grosses Privileg, dass die dritte Generation uns auch nach dem operativen Ausscheiden weiterhin unterstützt und uns mit ihrer Erfahrung zur Seite steht.
Gleichzeitig drängt sie sich nicht auf. Dieses Zusammenspiel aus Unterstützung und Loslassen funktioniert gut. Das ist nicht selbstverständlich und ich schätze es sehr.
Was die Erwartungen betrifft, habe ich manchmal das Gefühl, dass meine Erwartungen an mich selbst grösser sind als jene der dritten Generation. Natürlich wünschen sie sich, dass wir das Unternehmen erfolgreich weiterführen, gesund wachsen und Gasser Ceramic auch im Sinne der vorherigen Generationen weiterentwickeln. Aber ich könnte mir vorstellen, dass ihnen genauso wichtig ist, dass wir unsere Aufgabe mit Überzeugung übernehmen, Freude an der Arbeit haben und unseren eigenen Weg in dieser Verantwortung finden.
Genau das ist die Stärke dieses Übergangs: Wir bauen auf einem wertvollen Fundament auf und haben trotzdem Raum, als neue Generation unseren eigenen Stil zu entwickeln.
Wie sieht der Austausch mit der 3. Generation aus?
Der Austausch mit der dritten Generation ist nach wie vor eng und sehr bereichernd. Wir sprechen tatsächlich noch immer viel miteinander – ich persönlich vor allem mit Ruedi, Lukas eher mit meinem Vater. Dieser Austausch ist hilfreich, gerade weil wir auf einen grossen Erfahrungsschatz zurückgreifen können.
Wichtig ist für mich dabei aber auch: Es liegt heute in der Verantwortung von Lukas und mir, proaktiv auf die dritte Generation zuzugehen, wenn wir ihren Rat brauchen. Die operative Verantwortung liegt jetzt bei uns, gleichzeitig dürfen wir bei Bedarf auf viel Erfahrung zurückgreifen.
Hinzu kommt, dass die dritte Generation dem Unternehmen weiterhin über den Verwaltungsrat verbunden ist und auf dieser Ebene natürlich nach wie vor mitsteuert. So können wir weiterhin von ihrer Erfahrung profitieren, ohne dass die Verantwortlichkeiten unklar werden.
Welche Werte und Prinzipien sind für Sie zentral, um die Identität von Gasser Ceramic zu bewahren? Wo sehen Sie Raum für neue Impulse?
Für mich sind vor allem Werte wie Respekt, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Verantwortung zentral. Sie prägen aus meiner Sicht die Identität von Gasser Ceramic seit vielen Jahren und zeigen sich im täglichen Miteinander – im Umgang mit unseren Mitarbeiter:innen, mit Kund:innen und Partnern und auch in der Art, wie wir Entscheidungen treffen. Gleichzeitig müssen wir als Unternehmen offen und engagiert bleiben und an gewissen Stellen Mut haben, um uns weiterzuentwickeln.
Genauso wichtig ist für mich die Bodenständigkeit und die Nähe zum Markt. Gasser Ceramic ist stark regional verankert, nah bei den Kund:innen und geprägt von einem persönlichen Austausch. Diese Verbundenheit und diese Glaubwürdigkeit möchte ich unbedingt erhalten.
Raum für neue Impulse sehe ich vor allem dort, wo wir uns als Unternehmen gezielt weiterentwickeln müssen – bei Produkten und Prozessen, in organisatorischen Fragen und in der Art, wie wir zusammenarbeiten und führen. Entscheidend ist aber, dass Veränderungen nie Selbstzweck sind. Sie sollen dort ansetzen, wo sie einen echten Mehrwert schaffen und langfristig zu Gasser Ceramic passen.
«Wir bauen auf einem wertvollen Fundament auf und haben trotzdem Raum, als neue Generation unseren eigenen Stil zu entwickeln.»
Wo sehen Sie Gasser Ceramic in fünf bis zehn Jahren?
In fünf bis zehn Jahren sehe ich Gasser Ceramic idealerweise als ein starkes, unabhängiges und gesund aufgestelltes Familienunternehmen, das seine führende Position im Markt weiter festigen konnte. Mir ist wichtig, dass wir wirtschaftlich stabil bleiben, nahe an unseren Kund:innen sind und uns als Unternehmen so weiterentwickeln, dass wir auch in einem anspruchsvollen Umfeld handlungsfähig und zukunftsfähig bleiben.
Was motiviert Sie persönlich jeden Tag, Verantwortung für das Familienunternehmen zu übernehmen, und was möchten Sie als Führungspersönlichkeit bewirken?
Mich motivieren eigentlich mehrere Dinge. Zum einen sicher das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird, eine solche Rolle übernehmen zu dürfen. Das ist für mich nicht selbstverständlich und ich empfinde es als grosses Privileg. Dazu kommt, dass ich im Alltag von vielen Menschen unterstützt werde – innerhalb des Unternehmens, aber auch im Austausch mit der Familie und mit meinem Umfeld. Das gibt mir viel Rückhalt.
Mich motiviert aber auch, dass ich an den meisten Tagen sehr gerne arbeite und wirklich Freude an dem habe, was ich tue. Ich schätze die Vielfalt in meiner Aufgabe, den Austausch mit Menschen und auch die Möglichkeit, gemeinsam etwas weiterzuentwickeln. Und ich finde es wichtig, dass ich hinter unserem Unternehmen und unseren Produkten stehen kann. Auch das gibt meiner Arbeit Sinn.
Als Führungspersönlichkeit ist mir vor allem wichtig, authentisch zu bleiben, Verantwortung ernst nehmen, gut zuzuhören, klar zu kommunizieren und gemeinsam mit anderen etwas aufzubauen, das langfristig trägt. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass ich in meiner Führungsrolle noch lernen werde und mich weiterentwickeln muss. Genau diesen Lernprozess sehe ich als Teil der Verantwortung.
Wenn ich mit meiner Art dazu beitragen kann, dass Menschen gerne bei Gasser Ceramic arbeiten, sich ernst genommen fühlen und wir das Unternehmen gemeinsam verantwortungsvoll weiterentwickeln, dann liegt für mich genau darin der entscheidende Teil guter Führung.